ambiotex im Start-up Pitch – Next Level: Smart Clothing

Smart Home, Smart Mobilty und Smart Health sind mittlerweile keine Unbekannten mehr. Doch was kommt als Nächstes? Das Unternehmen ambiotex ist bereits einen Schritt weiter und entwickelt Smart Clothing. Im Start-up Pitch der sechsten Werkstattwoche zum Thema „Internet of Things & Sprachsteuerung“ stellte uns Florian Dennerlein, Geschäftsführer von ambiotex, das Produkt vor und diskutierte mit den beteiligten Versicherern eine mögliche Anwendbarkeit für die Versicherungswirtschaft.

ambiotex wurde 2013 gegründet und entstand aus einer Idee des Fraunhofer Instituts. „Die Ausgangsfrage lautete: Was wollen Sportler?“, erzählt Florian Dennerlein. Über das Fitness-Shirt, das mit EKG-Sensoren ausgestattet ist, können Vitaldaten und Bewegungen erfasst werden. Diese sollen dazu anregen, das eigene Training mittels der Berechnung der „anaeroben Schwelle“ (oder Laktatschwelle) effizienter zu gestalten. Derzeit umfasst die Kundengruppe des Tübinger Start-ups hauptsächlich Männer im Alter von 35 bis 50 Jahre, die den regelmäßigen Sport nach längerer Pause wiederaufnehmen wollen und motiviert sind, ihre körperliche Fitness zu verbessern. Im Gegensatz zu Fitnesstrackern, beispielsweise solchen, die am Handgelenk getragen werden, bietet das ambiotex Hightech-Shirt den Vorteil, auf verschiedene Regionen des Körpers zugreifen zu können – und das nicht nur auf den Brustbereich, sondern auch die Nackenmuskulatur. Außerdem entstehe am Handgelenk eine Fehlerrate von 20 bis 30 Prozent, was bei dem Shirt nicht der Fall sei, erklärt Florian Dennerlein. Die generierten Daten werden über Bluetooth an die ambiotex App übertragen. Diese visualisiert, analysiert und speichert die Daten in Echtzeit. Darüber hinaus ist die Datenspeicherung 24 Stunden autark. Wer die Daten einsehen kann und wie lange, entscheidet der Nutzer selbst. Das bedeutet, er behält die Datenhoheit. Über ein webbasiertes Dashboard können Nutzer miteinander in Interaktion treten, wie der Sportler und der Fitnesstrainer. Die Erlaubnis zur Einsicht der Daten kann jederzeit zurückgezogen werden.

Die ambiotex App stellt die Daten, die das Shirt sendet, dar und wertet sie aus. (Quelle: ambiotex)

Die ambiotex App stellt die Daten, die das Shirt sendet, dar und wertet sie aus. (Quelle: ambiotex)

Das Produkt lässt sich somit als „Smart Fitness“ bezeichnen. Doch besteht auch Potenzial über die Zielgruppe Sportler hinaus?

Obwohl ambiotex sich erst seit diesem Jahr mit dem Thema Arbeitssicherheit beschäftigt, zeichnen sich bereits mögliche Anwendungen ab. „Die Auseinandersetzung mit dem Thema entstand aufgrund einer Nachfrage zu unserem Newsletter“, blickt der Geschäftsführer von ambiotex zurück. Der Einsatz des Shirts, um präventiv für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu sorgen, ist durchaus sinnvoll: Durch die Messungen könnten stressige und gefährliche Situationen im Alltag sicherheitsriskanter Berufe erkannt werden – so zum Beispiel in der Forstwirtschaft oder der Energiebranche. Eine andere Perspektive auf den beruflichen Kontext führt zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. Mit Hilfe der gemessenen Daten könnte das Stresslevel der Mitarbeiter gemessen und zu einem intelligenten Job-Rotation-Konzept genutzt werden. Bereiche, die eine hohe psychische oder körperliche arbeitsbezogene Belastung aufweisen, könnten dann abwechselnd besetzt werden. Einerseits entsteht durch ein solches Monitoring die Chance, allgemein für Stress im Arbeitsalltag und dessen Auswirkungen auf den Körper zu sensibilisieren. Andererseits können die Messungen auch als Frühwarnsystem genutzt werden. Prävention ist aber nicht nur in Bezug auf betriebliches Gesundheitsmanagement sinnvoll, sondern auch für Gesundheit und Medizin generell, zum Beispiel wenn es darum geht, festzustellen, welche Muskelbeschwerden Rückenschmerzen verursachen.

Das ambiotex Shirt kann auch zur Prävention beitragen. (Quelle: ambiotex)

Das ambiotex Shirt kann auch zur Prävention beitragen. (Quelle: ambiotex)

Und was ist nun mit Smart Insurance? Die Teilnehmer der Werkstattwoche haben viele Fragen dazu. Sind die Atemfrequenz, die Herztätigkeit und das Messen der Bewegungen wirklich ausreichend, um den Zustand einer Person bezüglich Stress zu beurteilen? Wäre es nicht sinnvoll, Live-Feedback und automatisierte Empfehlungen an den Träger des Shirts beziehungsweise den Nutzer der App zu senden? Ist die TechUnit auf dem Shirt zu schwer? Eignet sich das Kleidungsstück überhaupt, um es den gesamten Tag zu tragen? Gibt es schon Studien, die belegen, welche Möglichkeiten ambiotex theoretisch bietet und inwiefern sich wirklich Verhaltensänderungen erzielen lassen?
Es steht auch die Frage im Raum, ob mit den Versicherungskunden Gesundheitsziele vereinbart werden könnten, die entweder mit Senkungen oder Erhöhungen des persönlichen Tarifs verbunden wären. Ganz nach dem Motto, gesundes Verhalten wird belohnt, gesundheitsschädliches Verhalten resultiert in einer „Strafzahlung“. Die Schwierigkeit liegt hierbei allerdings darin, dass das deutsche Gesundheitssystem vorsieht, dass niemand übervorteilt werden darf. Bietet sich also doch eher ein Bonussystem an?

Die Idee von ambiotex stößt bei den Teilnehmern der Werkstattwoche generell auf großes Interesse. Dennoch sind die Versicherer etwas skeptisch, inwiefern das Geschäftsmodell sich mit der Assekuranz in Verbindung bringen lässt. In einem Punkt sind sie sich aber einig: Der Fokus auf Schadenprävention ist relevanter, als die Überlegungen eines Bonussystems. Fest steht auch, dass die App perspektivisch das Potenzial hat, auf Alltagssituationen einzuwirken, die dem Träger nicht wirklich bewusst sind. Im Sport könnte dies eine zu hohe Belastung im Training, im beruflichen Kontext hingegen Überarbeitung sein. Hinsichtlich einer Weiterentwicklung des Hichtech-Shirts und dem Ausbau des Geschäftsmodells von ambiotex sind sicherlich noch viele Möglichkeiten gegeben. So sind zum Beispiel weitere Kleidungsstücke wie Unterwäsche in der Planung und eventuell finden Versicherungen ja doch einen Weg, wie sie ihre Kunden mit ambiotex Kleidung ausstatten und für die damit verbundene Verbesserung ihrer körperlichen Fitness belohnen können.

 

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