Peer to Peer @ Start-up: friendsurance definiert das Versicherungserlebnis neu

Zur Halbzeit der Peer to Peer – Werkstattwoche besuchte uns das 2010 gegründete Start-up friendsurance und brachte umfassenden Gesprächsstoff mit in das Insurance Innovation Lab. Neben vielen interessanten Fakten zu dem Geschäftsmodell des Berliner Unternehmens zeigte der Vortrag vor allem auch eines: unter den Teilnehmern der Werkstattwoche bestand großer Diskussionsbedarf zur Thematik Peer to Peer in der Versicherungswirtschaft.

friendsurance ist eine Marke der Alecto GmbH. Die unabhängige Versicherungs-Plattform hat die Vision, Versicherungen fairer und günstiger zu machen. „Der Kunde kann mit friendsurance nicht verlieren, er kann nur gewinnen“, beschreibt Christian Winter, Business Development friendsurance, das Geschäftsmodell. „Es ist ein Versicherungsschutz mit dem Potential beziehungsweise Extra, dass man Geld zurückbekommt.“ Inspiriert wurde friendsurance von der ursprünglichen Idee der Versicherung – die gegenseitige Unterstützung von Menschen, die sich in kleinen Gruppen im Schadensfall beistehen. Mittlerweile beschäftigt friendsurance 90 Mitarbeiter und hat ein eigenes Team aus Versicherungsexperten und Beratern im Haus.

Gründerteam Meyer-Plath, Herfurth, Kunde

Gründerteam: Janis Meyer-Plath, Dr. Sebastian Herfurth, Tim Kunde (Quelle: friendsurance.de)

Als Makler arbeiten sie mit großen Versicherungsunternehmen zusammen. Das „mittelständische Maklerhaus“, wie Christian Winter die Position von friendsurance beschreibt, hat aktuell über 130.000 Bestandskunden und gewinnt jeden Tag etwa 800 Neukunden dazu. Den Weg bis zu dieser Zahl hat vor allem eine offensive Werbestrategie mit TV-Werbung geebnet. Auch in der Beziehung zwischen traditionellen Versicherern und Start-ups in der Versicherungsbranche sieht Christian Winter eine Veränderung. „Das Verhältnis von InsurTechs und Versicherungen hat sich deutlich verbessert. 2013 haben sie sich noch nicht verstanden, aber jetzt haben sie sich angenähert und Schnittmengen gefunden.“ Versicherer und InsurTechs seien zusammengerückt, denn InsurTechs zeigen eine neue Schnelligkeit, die den traditionellen Versicherern fehle.

Zwei Dienstleistungen bietet friendsurance seinen Kunden. Zum einen zeigt das Unternehmen, dass Digitalisierung auch aus der Assekuranz nicht mehr wegzudenken ist und bietet den Service, die bestehende Versicherung online über App, Laptop, PC zu managen – ergänzt durch den Kontaktservice und News von friendsurance. Außerdem wird geprüft, ob der bestehende Vertrag in das friendsurance-Konzept übertragen und mit der zweiten Dienstleistung, der ‚Geld-zurück‘-Option, verbunden werden kann. Versicherte schließen sich dazu in kleinen Gruppen zusammen. Von den Versicherungsbeiträgen, die die Kunden zahlen, fließt ein Teil in einen sogenannten Topf. Bleibt der Schaden aus, bekommt jeder einen Teil aus dem Topf wieder, den Schadensfrei-Bonus. Auf Basis des Selbstbeteiligungswertes werden Gruppen gebildet, die in der Regel aus etwa zehn Personen bestehen. Ihr gemeinsames Ziel ist es,  Schadensfreiheit zu erreichen damit alle Beteiligten am Ende des Jahres einen Teil ihrer Prämie zurück erhalten. Die Gruppen an sich könnten als anonym bezeichnet werden, obwohl der Namen und ein Bild des Netzwerkpartners sichtbar ist und theoretisch die Kontaktaufnahme zwischen den Gruppenmitgliedern somit möglich wäre. „Diese Möglichkeit wird aber kaum wahrgenommen“, so Christian Winter. Interessierte können sich über die Online-Plattform sowie soziale Netzwerke auch innerhalb des Familien- und Bekanntenkreises vernetzen. Die Gruppenmitglieder können die Zusammensetzung ihrer Gruppe außerdem jederzeit ändern und erhalten damit eine gewisse Sanktionsmacht gegenüber den einzelnen ‚Peers‘ in ihrer Gruppe. friendsurance bringt Privatpersonen zu einem gemeinsamen Zweck zusammen und beweist damit echten Peer to Peer-Charakter. Nach Einschätzung von Dr. Thomas Zwack (Insurance Innovation Lab) handelt es sich bei friendsurance um ein hybrides P2P-Geschäftsmodell: „In Hinblick auf das Merkmal des Austauschs von Dienstleistungen und Gütern unter gleichgestellten Personen haben die Kunden von friendsurance wenig Einflussmöglichkeiten auf die Produktgestaltung, da ausschließlich Standardversicherungsprodukte von Erstversicherungsunternehmen angeboten werden. Außerdem wird der charakterisierende Faktor der Dezentralisierung bei diesem Modell nicht erfüllt, da friendsurance zum einen als Vermittler zwischen Privatpersonen sowie zwischen Privatpersonen und Versicherungsunternehmen agiert. Die Kunden sind in ihren Entscheidungen nur beschränkt autonom.“ Die friendsurance-Lösung wird für die Sparten Haftpflicht-, Rechtsschutz-, Hausrat-, Elektronik- und Kfz-Versicherung angeboten. 2011, als es noch nicht genügend Kunden gab, sei es manchmal schwierig gewesen, genügend Mitglieder für eine Gruppenbildung zu finden. Heute kann spätestens nach 3 Wochen ein passendes Kollektiv gebildet werden.

 

grafik friendsurance

(Quelle: friendsurance.de)

 

Kleine und große Schäden werden in Höhe der Selbstbeteiligung durch die Gruppen bzw. dem Topf der Gruppe gezahlt. Große Schäden, die den Topfinhalt übersteigen, werden durch die Versicherungsunternehmen abgedeckt. Ist der Topf für den Selbstbehalt aufgrund vieler Schäden leer, springt wiederum ein Risikoträger ein. Es gibt also keinen Sanktionsmechanismus. Die Kunden von friendsurance sind daher in jedem Fall abgesichert und zahlen nie mehr als zuvor. 2015 erhielten 84 Prozent der Kunden eine Beitragsrückzahlung, die Höchstauszahlung an einen Kunden belief sich 2016 auf 180 Euro.

Bei den Teilnehmern der Werkstattwoche führte der Start-up Pitch von friendsurance zu regen Diskussionen, insbesondere zu den rechtlichen Aspekten der Maklerrolle, Betrugsgefahr und die Frage, ob das Modell überhaupt Vorteile für den Kunden bietet. Christian Winter zeigte auf, dass im Konzept von friendsurance die Selbstwahrnehmung der Risikowahrnehmung gegenübersteht. friendsurance eigne sich deshalb vor allem für die Kunden, die tendenziell keine Selbstbeteiligung haben wollen. Für sie besteht die Chance, von einem Schadenfreiheitsrabatt zu profitieren ohne dass sie im Schadenfall eine Selbstbeteiligung zahlen müssen. Darüber hinaus ist der Anreiz zu betrügen für den Einzelnen geringer, da im Betrugsfall kein bzw. weniger Geld an das Kleinkollektiv zurückgehen würde.

Für Peer to Peer-Modelle im Allgemeinen betonte Christian Winter abschließend die Relevanz der Fokussierung auf den Kunden. „Ein Peer to Peer-Konzept muss sich die Lebenssituation des Kunden anschauen und entscheiden, was zu ihm passt. Erst dann können Netzwerke gebildet werden.“

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