Peer-to-Peer: Wie funktioniert Teilen in der Versicherungswirtschaft?

Sharing Economy ist schon lange nicht mehr nur ein Trend, sondern fester Bestandteil in vielen Lebensbereichen: ob man sich das Auto eines Fremden leiht oder sogar in dessen Bett schläft– Teilen scheint in unserer Gesellschaft immer mehr an Relevanz zu gewinnen. Wurde der Kunde in traditionellen Geschäftsmodellen vornehmlich als passiver Empfänger von Leistungen gesehen, hat sich seit der Jahrtausendwende in Sharing-Geschäftsmodellen die Ansicht durchgesetzt, dass Kunden aktiv zur Wertentstehung beitragen können und auch intrinsisch motiviert sind dies zu tun. Beim Tausch und der gemeinsamen Nutzung von Gegenständen oder Wohnraum ergeben sich für den Nutzer verschiedene Vorteile: Die neuen Geschäftsmodelle bieten eine höhere Passgenauigkeit individueller Lösungen, günstigere Preise und die Möglichkeit Erlöse zu erzielen sowie soziale Aspekte zu verfolgen.

Doch kann Teilen eigentlich auch bei Versicherungen funktionieren? Und ist Teilen nicht ohnehin der Kerngedanke der Risikoteilung im Kollektiv? Was machen die aktuell so heiß diskutierten Peer to Peer Anbieter anders als beispielsweise der traditionelle Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit? Um diesen Frage nachzugehen blicken wir im Folgenden auf den Ursprung von „Peer to Peer“ und anschließend auf einige der Sharing-Ansätze in der Versicherungswirtschaft.

Der Begriff „Peer-to-Peer“ entstand bereits 1999, als der US-Amerikaner Shawn „Napster“ Fanning ein Netzwerk entwickelte, das den Zugriff auf Dateien anderer Rechner über das Internet ermöglichte. Die User mussten dafür lediglich das Programm („Napster“) auf ihren Rechnern installieren. Dieser Austausch von Dateien zwischen gleichstehenden Teilnehmern, ohne dass die Dateien auf einem Server zwischengespeichert werden, wurde Peer-to-Peer genannt. Der Erfolg und die rasante Verbreitung von Napster verschafften dem Peer-to-Peer-Begriff große Bekanntheit.

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Unterschied zwischen einem serverbasierten und einem reinen P2P Datenaustausch (Quelle)

In den letzten Jahren wurden immer mehr Unternehmen gegründet, die den ursprünglich technisch besetzten Begriff „P2P“ nutzen, um die Vermittlung und den Tausch von Produkten oder Dienstleistungen zwischen Privatpersonen zu umschreiben. Die Rolle der Peers besteht darin, Angebote bereitzustellen oder zu empfangen, während ein Intermediär dabei die effiziente und legitime Abwicklung der Transkationen zwischen den Peers ermöglicht.

Im Mittelpunkt der Geschäftstätigkeit steht das Tauschen oder Verleihen von Produkten und Dienstleistungen zwischen Privatpersonen – dabei kann, muss jedoch nicht zwingend Geld fließen. Bei Couchsurfing, handelt es sich zum Beispiel um ein unentgeltliches Modell, bei dem der Nutzer sein „Sofa“ für Fremde zur Verfügung stellt, um im Gegenzug selbst an unbekannten Orten kostenlos übernachten zu können. Im Vergleich dazu steht Airbnb, als typisch kommerzielle Plattform, bei der sowohl der Intermediär als auch die meisten wohnungsanbietenden Personen eine Gewinnerzielungsabsicht verfolgen. Außerdem unterscheiden sich die Modelle danach in welcher Form der Intermediär auftritt und welche Aufgaben er übernimmt. Neben Peer-to-Peer (P2P) Modellen, bei denen ein Intermediär den Tauschvorgang zwischen Personen nur unterstützt indem er vermittelt, gibt es derartige Angebote mittlerweile auch in der Business-to-Customer (B2C) Form. Dieses Model zeichnet sich dadurch aus, dass statt einer Privatperson ein kommerzieller Anbieter das Produkt anbietet und den Transfer organisiert. Ein gutes Beispiel ist DriveNow.

Teilen rund um die Welt

Blickt man auf den weltweiten Peer to Peer Versicherungsmarkt zeigt sich schnell eine zunehmende Verbreitung sehr unterschiedlicher Modelle. Während es in Großbritannien bereits vier Modelle gibt (Guevara, Brolly, Gaggel, Inspool),  sind in Frankreich nur drei relevant (InsPeer, Beepool, Tribechain) und in den Niederlanden zwei (BroodFonds, CommonEasy). Dahingegen ist als deutsches P2P-Geschäftsmodell derzeit nur das Unternehmen Friendsurance aktiv, das 2010 gegründet wurde. Das schweitzer InsurTech Versicherix plant zwar bereits ein weiteres Peer to Peer Konzept im deutschsprachigen Raum auf Basis der Blockchain, wann dieses umgesetzt wird steht allerdings noch nicht fest. Auffallend großen Anklang findet Peer-to-Peer jedoch in den USA (z.B. Christian Care Ministry, Gather, Dynamis, Insure a Peer, Jointly, Lemonade, Uvamo, Zero).

Wie unterschiedlich P2P-Geschäftsmodelle konkret in der Versicherungsbranche aussehen können, machen diese vier Startups beispielhaft vor:

MedishareDie Christian Care Ministry (Gründung 1993, USA) ist eine religiöse Non-Profit-Organisation und bietet mit Medishare eine Alternative zur herkömmlichen Krankenversicherung an. Medishare fungiert dabei als Vermittler zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft, indem sie hilfsbedürftige Menschen mit solventen Unterstützern vernetzt. Inzwischen wurden Rechnungen in Höhe von insgesamt 1,2 Mrd. US Dollar von Privatpersonen übernommen. Aufgrund des Prinzips der Freiwilligkeit und der Tatsache, dass Rücklagen für Schadenfälle nicht gebildet werden, schließt Medishare eine garantierte Übernahme von Krankheitskosten im Leistungsfall aus.

BroodFonds (2broodfonds006, Niederlande) unterstützt Mitglieder im Krankheitsfall. Die Zielgruppe sind selbstständige Unternehmer, die sich in Gruppen, sogenannten Fonds, mit einer Größe zwischen 20 und 80 Personen zusammenschließen. Jeder Fonds wird bei der Handelskammer registriert und durch Vorstände vertreten, die aus den Mitgliedern der Gruppen gewählt wurden. Im Gegensatz zu traditionellen Krankenversicherungsunternehmen gibt es vor Eintritt in eine Gruppe keine Bewertung des gesundheitlichen Risikos. Jedes Mitglied eines Fonds zahlt monatlich einen gewissen Betrag auf ein persönliches Konto ein, welches vom Vorstand des Fonds geführt und verwaltet wird. Dieser Betrag entscheidet über die maximale Auszahlungssumme im Leistungsfall. Bei einem Beitrag von 45 Euro pro Monat sind dies beispielsweise 1.000 Euro. Bei einem Mitglied mit Leistungsanspruch kann auf das Konto des Mitglieds noch weiteres Geld durch die übrigen Mitglieder in Form einer Spende eingezahlt werden. Werden mehrere Mitglieder gleichzeitig krank, bevor die persönlichen Konten vollständig gefüllt wurden, kann dies zu verminderten Zahlungen führen.

Guevera  (2013, Großbritannien) verknüpft Privatpersonen, um das Risiko im GueveraKraftfahrtbereich zu teilen. Interessenten können auf der Internet-Plattform verschiedenen Gruppen beitreten. Zum einen besteht die Möglichkeit, ein neues Mitglied jener Gruppe zu werden, in der schon ein Freund mitwirkt. Guevara kann aber auch Interessenten, unter Berücksichtigung einer vorab individuell durchgeführten Risikoeinschätzung, direkt einer Gruppe zuordnen. Die Prämie wird auf Grundlage der typischen Merkmale einer klassischen Kraftfahrtversicherung kalkuliert (z.B. Modell, Wohnort, Schadenfreiheit, etc.). Diese fließt in einen gemeinsamen Pool, aus dem Schäden der Gruppenmitglieder innerhalb eines Jahres bezahlt werden. Verbleibt am Ende des Jahres ein Restguthaben, so wird dieses mit der Prämie des Folgejahres verrechnet. Das bedeutet, dass die Gruppe direkt von einer Schadenfreiheit profitiert. Das Prinzip beruht auf dem Ausgleich im Kollektiv und der fast vollständigen Absicherung zwischen Privatpersonen.

Die AlectFS_Logo_RGB_screeno GmbH (2010, Deutschland) tritt unter der Marke Friendsurance auf. Das Unternehmen ermöglicht es seinen Kunden, sich online zu kleinen Gruppen mit einer Größe von etwa 4 bis 16 Personen zusammenzuschließen und das Risiko, zumindest teilweise, auf dieses Kollektiv zu übertragen. Bisher ist dies in den Versicherungssparten Privathaftpflicht, Hausrat, Rechtsschutz, Kfz und Elektronik möglich. Interessierte können sich über eine Online-Plattform sowie soziale Netzwerke innerhalb des Familien- und Bekanntenkreises vernetzen. Die Gruppenmitglieder können die Zusammensetzung ihrer Gruppe jederzeit ändern. Durch eine Erhöhung der Selbstbeteiligung lassen sich Beitragsvorteile für den Versicherungsnehmer realisieren. Im Falle eines Schadens teilen sich die Gruppenmitglieder den erhöhten Selbstbehalt zu gleichen Teilen. Ein Erstversicherungsunternehmen haftet für alle Schäden, die über diesen Selbstbehalt hinausgehen. Tritt innerhalb eines Jahres bei keinem Gruppenmitglied ein Schaden ein, bekommen alle einen Teil ihrer eingezahlten Prämie zurückerstattet.  In Hinblick auf das Merkmal des Austauschs von Dienstleistungen und Gütern unter gleichgestellten Personen haben die Kunden von Friendsurance wenig Einflussmöglichkeiten auf die Produktgestaltung, da ausschließlich Standardversicherungsprodukte von Erstversicherungsunternehmen angeboten werden. Weiterhin ist anzumerken, dass die Dezentralisierung bei diesem Modell nicht erfüllt wird, da Friendsurance zum einen als Vermittler zwischen Privatpersonen sowie zwischen Privatpersonen und Versicherungsunternehmen agiert. Die Kunden sind in ihren Entscheidungen nur beschränkt autonom. Es handelt sich hier deshalb um ein hybrides P2P-Geschäftsmodell.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Nutzung positiver Netzwerkeffekte, die Etablierung einer Vertrauensatmosphäre anstelle von Kontrollmechanismen und die Zweitnutzung vorhandener Ressourcen Aspekte sind, die dafürsprechen, dass P2P-Geschäftsmodelle großes Potenzial sowohl für die Versicherungs- als auch andere Branchen haben. P2P-Geschäftsmodelle haben jedoch nicht nur Vorteile, denn in wesentlich größerem Umfang als bei traditionellen Instituten hängt die Qualität der Leistungserbringung von Laien ab. Dies kann, insbesondere bei der Absicherung, zu Fehleinschätzungen von Risiken führen, in deren Folge der Risikoträger einen weiteren Verlust selbst tragen muss. Eine weitere Herausforderung von P2P-Geschäftsmodellen besteht in rechtlichen Unsicherheiten. Neben berechtigten Fragen zur Qualitätssicherung, zum Datenschutz und der Haftung, existieren Unsicherheiten nicht zuletzt, weil sich etablierte Anbieter in anderen Branchen schon heute mit juristischen Mitteln gegen disruptive Geschäftsmodelle zur Wehr setzen. Eine solche Abwehrhaltung gegnüber disruptiven Innovationen ist allerdings nicht zielführend. Viel wichtiger erscheint es uns diese Modelle zu erforschen und eigene Konzepte zu entwickeln, die möglicherweise die Macht haben das bestehende Geschäftsmodell zu zerstören. Gemeinsam werden wir uns dieser Aufgabe in der nächsten Werkstattwoche zum Thema Peer to Peer widmen.

 

 

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