User Experience Design versus Design Thinking: Ein Vergleich von Äpfeln und Birnen?

Ist von Innovationen und einer agilen, kundenzentrierten Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle die Rede, werden „User Experience Design“ (UX Design) und „Design Thinking“ oftmals in einem Atemzug genannt. Aber was genau steckt eigentlich dahinter? Kann man beide Ansätze überhaupt vergleichen oder stellt sich am Ende heraus, dass man in dem Zusammenhang von Äpfeln und Birnen spricht? Nachfolgender Artikel soll die beiden Begrifflichkeiten erklären, voneinander abgrenzen und Parallelen aufzeigen.

Das Ziel
Einen wesentlichen Unterschied zwischen User Experience Design und Design Thinking stellt die »Endlichkeit« dar. Im Design-Thinking-Prozess kann durchaus ein Ende erreicht werden – nämlich dann, wenn eine wünschenswerte, realisierbare und wirtschaftlich sinnvolle Lösung erzielt wurde, die das Bedürfnis des Kunden erfüllt. User Experience Design hingegen ist anwendungsbegleitend, da sich der Kunde und die auf ihn wirkenden Einflüsse ständig ändern können. Das wird zum Beispiel beim Aufbau einer Webseite deutlich: Durch kontinuierliches Testing wird sichtbar, ob Nutzer mit einem Design und einer Struktur zurechtkommen.
So besteht immer die Möglichkeit, Verbesserungen vorzunehmen, ohne gleich Conversion-Verluste hinnehmen zu müssen. Eine gute User Experience ist daher kein Zufallsprodukt.
Wird sie erst nachträglich einem fertigen Produkt hinzugefügt, sind Verluste bei den Einnahmen und eine Reihe unzufriedener Kunden sehr wahrscheinlich.

Der Ablauf
Im Design Thinking werden sechs Prozessschritte durchlaufen – Verstehen, Beobachten, Sichtweise definieren, Ideen finden, Prototypen entwickeln und Testen. Die einzelnen Phasen sind iterativ miteinander verbunden, das heißt, dass man nach dem Durchlaufen einer Phase zu dem Ergebnis kommen kann, dass diese oder die vorhergehende Phase wiederholt werden muss. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn sich nach dem Testen eines Prototyps herausstellt, dass das eigentliche Problem noch nicht gelöst wurde. Beim Design Thinking werden neue Erkenntnisse gezielt gefördert und jederzeit berücksichtigt. Kritik und Bedenken sollen offen geäußert und Fehler im Innovationsprozess aufgedeckt werden, denn so werden unter Umständen hohe Entwicklungskosten eingespart. Darüber hinaus bringt der sechsstufige Prozess des Design Thinking Lösungen hervor, die vor allem auf den Bedürfnissen der Endnutzer beruhen und damit im Gegensatz zu herkömmlichen Prozessmethoden deutlich innovativer sind.
Auch bei User Experience Design geht man iterativ vor. Probleme werden in regelmäßigen UX-Tests oder UX-Messungen mit echten Nutzern frühzeitig aufgedeckt. Basierend auf dem Feedback des Users, welches zum Beispiel über Befragungen, Foren oder Online-Recherchen erhoben werden kann, werden die Konzepte angepasst und das entsprechende Produkt weiterentwickelt – mit dem Ziel, Freude am Nutzen des Produktes zu erzeugen. Das Lernen aus Erfolgen und Misserfolgen macht es möglich, das Produkt permanent zu verbessern.

Die Methoden
Die Analyse der Ausgangssituation spielt bei beiden Ansätzen eine zentrale Rolle. Dazu gehören unter anderem die Betrachtung der Eigenschaften der Nutzer, die Untersuchung der Nutzungsumgebung, des Nutzungskontexts und das Identifizieren von Problemstellungen sowie die Approximation der Zielstellung des Nutzers. Denn wer seine Nutzer nicht genau kennt, entwickelt an ihren Wünschen vorbei und wird nicht erfolgreich sein. Statistisch gesehen erfordert es zwischen sieben und zwölf guten »Erfahrungen«, um ein Negativerlebnis wieder kompensieren zu können.
Im Rahmen des Design-Thinking-Prozesses soll kreatives Denken, das zum Beispiel durch Techniken wie Brainstorming oder Mind Mapping unterstützt wird, durch methodisches Setting begünstigt, gefördert und zielorientiert eingesetzt werden. Außerdem kommen beim Design Thinking flexible Raumkonzepte mit viel Platz zum Einsatz, um eine kreative Umgebung zu schaffen. Stehtische, Whiteboards und eine große Auswahl an verschiedenen Materialien wie zum Beispiel Legosteine und Post-its helfen, Ideen schnell zu visualisieren. User Experience Designer bedienen sich beispielsweise der Entwicklung mobiler Benutzungsoberflächen, Nutzerführungskonzepte und Informationsarchitekturen oder auch interaktiver Clickdummies. Um Ideen besser erklären zu können, werden zudem oft rudimentäre Skizzen in Form von Wireframes oder Mock-ups erstellt. Damit eine schnelle und agile Entwicklung mit UX-Design gelingt, sind die einzelnen Schritte im Ansatz des Lean UX verankert.
Generell lässt sich sagen, dass die Methoden oder zumindest die Bestandteile beider Ansätze ineinandergreifen. Mit Hilfe von Design Thinking werden Visionen und Lösungsansätze identifiziert, User Experience Design führt zu einer nutzerorientierten Umsetzung und geht von der Freude beim Nutzen des Produktes aus.

Der Nutzer
Die größte Gemeinsamkeit von Design Thinking und User Experience Design liegt in der Fokussierung auf den Nutzer: Der Kunde steht bei beiden Ansätzen im Zentrum des Prozesses. Design Thinking stellt den Nutzer in den Mittelpunkt aller Überlegungen, um Innovationen zielgerichtet steuern sowie sinnvolle Lösungsansätze erarbeiten zu können. Hier ist der Grundgedanke, dass durch Empathie die Produktwünsche und Anforderungen des Nutzers erfüllt werden.
Auch im User Experience Design leistet der Nutzer einen großen und wichtigen Beitrag zur Generierung und Weiterentwicklung neuer Ideen. User Experience steht für Nutzererlebnis und beschäftigt sich mit allen Aspekten der Erfahrung, die ein Nutzer bei der Anwendung und der Interaktion mit einem Produkt, einer Dienstleistung oder einer Umgebung macht. Häufig steht dabei die digitale Nutzung, beispielsweise von Webseiten oder Applikationen, im Vordergrund: Erkundet der Nutzer eine Webseite, warum verlässt er sie, wie lange braucht er, um einen Kaufabschluss zu tätigen, hat er Freude bei der Nutzung, wie intensiv ist die Interaktion mit den Inhalten? Mit dem Fokus auf die Verhaltensweisen, Emotionen und Ansichten einer Person ist User Experience Design in höchstem Maße subjektiv und erfordert Feingefühl und Anpassungsfähigkeit, denn die individuellen Erfahrungen eines Nutzers sind dynamisch und können sich mit der Zeit verändern.

Das Team
Design Thinking bringt Menschen aus verschiedenen Disziplinen, Fachbereichen und Hierarchieebenen zusammen. Das hat zwei wesentliche positive Effekte: Es kommt zum Austausch von Fachwissen sowie methodischen Kompetenzen zwischen den Disziplinen und das Team verfügt so über breites Wissen und Lösungskompetenz. Außerdem bringt jedes Teammitglied seinen eigenen Blickwinkel und seine eigenen Erfahrungen mit ein. Die Teams arbeiten auf Augenhöhe, ergebnisoffen und lösungsorientiert – und das funktioniert am besten in einer kreativen Umgebung.
UX Design wird zunehmend in die internationalen Curricula eingeführt und vorrangig von Professionals gesteuert und vorangetrieben. Je nach Organisationsgröße gibt es zudem weitere Arbeitsbereiche wie Research oder Konzeption. Oft werden aber alle Funktionen von ein und derselben Person ausgeführt, dem UX Designer.

Fazit
Beim Design Thinking geht es in erster Linie um das Entwickeln und frühzeitige Testen von Visionen und kreativen Lösungsideen für unterschiedliche Arten von Problemen. Damit setzt diese Methodik früher und grundsätzlicher an als das User Experience Design. Der Vorteil hier liegt darin, dass neue Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle basierend auf den Anforderungen und Bedürfnissen der Nutzer so gestaltet werden können, dass sie intuitiv und leicht verständlich sind.
User Experience Design hat seinen Blickwinkel in den letzten Jahren erweitert – es haben sich viele verschiedene Richtungen und Disziplinen herausgebildet, die deutlich machen, dass die Einschränkung auf das Erstellen von Webseiten und Apps nicht mehr richtig ist. Neben der Usability rücken Attraktivität und emotionale Wirkung eines Produkts stärker in den Vordergrund.
Zurück zur Ausgangsfrage: Der Vergleich von Design Thinking und User Experience Design ähnelt tatsächlich dem von Äpfeln mit Birnen. Die Gegenüberstellung zeigt, dass ein Vergleich schwierig und das Gleichsetzen beider Begrifflichkeiten nicht korrekt ist. Dennoch kann man daraus interessante Erkenntnisse ziehen. Denn je nach Aufgabenstellung lassen sich Design Thinking und UX Design ineinander integrieren, was letztlich auch dazu führt, dass sie sich gegenseitig bereichern.

Daniela Tager

Autorin:

Daniela

Specialist Graphic Design, User Experience Design & Usability

Insurance Innovation Lab

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