Wie steht es um die deutschen Start-up-Katalysatoren? (Teil 1)

InsurTechs befinden sich im Aufwind! Das zeigt nicht nur die steigende Artikelflut in den Medien, die sich mit den neuen Playern der Versicherungswirtschaft befassen, sondern auch das zunehmend lockerer sitzende Geld potentieller Investoren. Gemäß einer Studie der CommerzVentures vom März diesen Jahres deutet vieles darauf hin, dass im Versicherungsbereich erst ein Zwölftel der möglichen Finanzierungssummen für InsurTechs ausgeschöpft wurde. Über 70 Prozent der Vorstände der Assekuranz und damit deutlich mehr als in anderen Branchen sind sich der Gefahr die von disruptiven Geschäftsmodellen ausgeht bewusst. Die Aufbruchstimmung ist spürbar. Versicherer versuchen eigene Wege zu finden, um ebenfalls durch Digitalisierung neues Geschäftspotenzial zu erschließen und setzen dafür verstärkt, wie in anderen Branchen bereits üblich, auf offene Innovationswerkzeuge. Start-up-Katalysatoren werden gegründet, um digitale Geschäftsideen in Start-ups zu überführen, ihr Wachstum systematisch zu fördern und die Gründerteams umfassend zu begleiten.

Die Start-up-Katalysatoren stellen selbst eine sehr dynamische Branche dar, in der sich die dominanten Servicedesigns gerade erst festigen. Als Innovationsschmieden zählen im Folgenden unabhängige, aber auch unternehmens- oder institutseigene Labs, Inkubatoren (auch Gründerzentrum oder Company Builder) und Akzeleratoren. In diesem Kontext werden teilweise auch Coworking Spaces aufgezählt, die allerdings kaum innovationsbezogene Leistungen anbieten. Da es bisher kaum aktuelle Branchenstudien gibt, haben wir es selbst in die Hand genommen, uns einen qualifizierten Überblick zu verschaffen! Die Ergebnisse unserer Untersuchung werden wir in zwei Blogbeiträgen vorstellen. Sie sollen einen Einblick in die Größe und Struktur der Start-up-Katalysator-Branche in Deutschland geben. Auf dieser Basis werden wir Möglichkeiten für die Nutzung von Start-up-Katalysatoren aus der Perspektive der Versicherungswirtschaft skizzieren. Der Fokus der Erhebung liegt auf dem für das Anwendungsfeld Assekuranz relevanten Teil der Branche. Start-up-Katalysatoren, die sich ausschließlich an andere Innovationsfelder (z. B. Maschinenbau oder Life Sciences) oder besondere Innovatorengruppen (z. B. die Studierende einer bestimmten Hochschule) richten, sind von der Betrachtung ausgenommen. Die Studie beruht auf Online-Recherchen aus dem Zeitraum November 2015 bis März 2016, die in Einzelfällen um Telefoninterviews mit Mitarbeitern ergänzt wurden. Es wurden 93 Start-up-Katalysatoren identifiziert und analysiert, die den genannten Kriterien entsprechen.

Innovationsphasen und Ansatzpunkte der jeweiligen Innovationskatalysatoren

Innovationsphasen und Ansatzpunkte der jeweiligen Innovationskatalysatoren

 

Die Branche der Start-up-Katalysatoren
Wir haben insgesamt 17 Labs, 42 Inkubatoren und 34 Akzeleratoren identifiziert, die grundsätzlich für die Entwicklung und Vermarktung neuer Produkte, Services und Geschäftsmodelle für die Versicherungswirtschaft relevant sind.
Die Unterstützungsleistungen dieser Intermediäre setzen, je nach Ausrichtung, an den verschiedenen Phasen des Gründungs- und Wachstumsprozesses von Start-ups an. Während Labs Aktivitäten von der angewandten Forschung über die Ideation bis zum Prototyping unterstützen, setzen die Leistungen der Inkubatoren an der Ideation an und gehen bis zur Gründung und Markteinführung. Akzeleratoren verlangen von Bewerbern in der Regel ein fertiges Produkt, bestenfalls mit ersten Kunden. Sie unterstützen die Gründungs- und Wachstumsphase eines Start-ups. Die angebotenen Leistungen lassen sich in sechs Bereiche unterteilen. Start-up-Katalysatoren unterstützen die Entwicklung von Technologien, Produkten und Services und bieten Unterstützung bei Konkurrenz- und Marktanalysen an. Sie vermitteln gründungsrelevantes Wissen und bieten Hilfestellung beim Einwerben von Finanzmitteln. Sie helfen Gründerteams beim Aufbau ihrer Stakeholdernetzwerke und bieten weitergehende Beratungsleistungen an. Je nach Art des Start-up-Katalysators liegt eine andere Gewichtung dieser Leistungsbereiche vor.

Innovationspartner gesucht!
Ein Angebot an Start-up-Katalysatoren existiert also, dennoch fällt es vielen Versicherern schwer, Innovationspartner zu finden. Ein Grund ist die schlechte Verfügbarkeit wichtiger Qualitäts- und Leistungsindikatoren. Track Records, z. B. als Beschreibung hervorgebrachter Innovationen oder Start-ups, Anzahl und Höhe der realisierten Finanzierungsrunden oder Wachstumszahlen der Unternehmen im Portfolio werden kaum angegeben. Selbst ein grober Indikator, wie die Anzahl der bislang betreuten oder aktuell im Programm befindlichen Innovations- und Gründungsprojekte, wird nur von 39 der 93 betrachteten Anbieter veröffentlicht. Auch die Beschreibung der methodischen Ausrichtung und Kompetenz beschränkt sich durchweg auf die Nennung allgemeiner Ansätze, wie Design Thinking oder Lean Start-up. Hinter solchen Schlagwörtern kann sich eine Vielzahl konkreter Vorgehen und Ergebnisse verbergen. Aussagen zur Methodenkompetenz der Coaches und Mentoren bleiben ebenso recht allgemein. Eine verlässliche Einschätzung von methodischer Ausrichtung und Kompetenz sowie unternehmerischem Erfolg ist auf dieser Basis kaum möglich. Im betrachteten Sample gibt es auch Kombinationen, z. B. von Inkubator und Coworking Space oder Lab und Akzelerator. Vor dem Hintergrund der skizzierten Intransparenz kann eine Selektionsstrategie darin bestehen, sich zunächst auf die stärker ausdifferenzierten Angebote zu konzentrieren, da sie ein besser abgestimmtes Leistungsangebot erwarten lassen. Des Weiteren empfiehlt es sich, gezielt nach passenden Anwendungsbereichen oder Technologiefeldern des Start-up-Katalysators zu suchen, die zur Strategie des Versicherers passen. Damit wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, ein inhaltlich passendes Ökosystem vorzufinden.
Einige Katalysatoren fokussieren sich auf bestimmte Innovatorengruppen/Ausrichtungen (z. B. Studierende, Regionen). Solch eine Ausrichtung könnte ebenfalls zur Selektion genutzt werden.

Leistungsspektren der Start-up-Katalysatoren

Leistungsspektren der Start-up-Katalysatoren

 


Mitarbeiter als Innovatoren noch unentdeckt
Die in der wissenschaftlichen Literatur oft thematisierten Unterschiede zwischen externen Innovatoren (z. B. Kunden), internen Innovatoren (Mitarbeiter) und Grenzinnovatoren spielen bei den analysierten Start-up-Katalysatoren keine Rolle. Dennoch lässt sich in den Beschreibungen zur Kontaktaufnahme erkennen, dass Akzeleratoren das am stärksten auf externe Innovatoren ausgerichtete Format sind. Unter den Inkubatoren und Labs zeigen vor allem universitätsnahe Angebote eine Offenheit für Mitarbeiter als Innovatoren. Neben Hochschulmitarbeitern werden oft die Beschäftigten von Partnerunternehmen einbezogen. Diese Beobachtung zeigt jedoch, dass Mitarbeiter noch zu selten im Rahmen von Innovationsnetzwerken als Innovatoren eingebunden werden. Mit Blick auf aktuelle strategische Handlungsfelder, wie der Entwicklung starker Innovationskulturen, der Kompetenzentwicklung für die Leistungserbringung in Netzwerken oder der Stärkung einer generellen Kunden- und Stakeholderorientierung, erscheint die geringe Adressierung von Mitarbeitern als strukturelle Schwäche in der Landschaft der Start-up-Katalysatoren.

Zusammenfassung
Start-up-Katalysatoren bieten eine Reihe wichtiger Leistungen für eine ausgewogene Innovationsstrategie an. Die Branche ist jedoch recht unübersichtlich; einzelne Angebote sind auf Basis zugänglicher Informationen kaum zu bewerten. Eine strukturelle Schwäche der Branche besteht im Adressieren der Mitarbeiter als Innovatoren. Angebote, die diese Engpässe aufgreifen, also z. B. Assekuranzkompetenz mit Innovationskompetenz verbinden und dabei ressourcenschonender als Neugründungen sind, besetzen eine Marktlücke. Das gleiche gilt für Formate, die gezielt Mitarbeiter adressieren und sie mit externen Innovatoren, wie Kunden oder Start-ups, zusammenbringen.

Weitere Ergebnisse der Studie von Dr. Hagen Habicht und Jörg Rüffert sehen Sie im nächsten Beitrag.

»Liste der Assekuranz-relevanten Start-up-Katalysatoren 2016«

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